Samstag, 23. Juni 2018

Vom Straßenrand aus

Letztes Jahr hatte ich den Christopher-Street-Day heimlich beobachtet, hinter den Gardinen im Wohnzimmer. Eigentlich wäre ich gerne raus auf die Straße gegangen, aber ich hatte Angst, angepöbelt zu werden, nicht erwünscht zu sein, oder mich einfach nur generell unwohl zu fühlen. Naja, unwohl war mir auch hinter den Gardinen.
Im Nachhinein habe ich mir vorgenommen, beim nächsten CSD rauszugehen, mich an die Straße zu stellen, und damit sichtbar zu sein. Der CSD nimmt seine Route hier auch deshalb durch unsere Straße, weil damit gegen die Kirche protestiert werden soll. Und irgendwie liegt es mir quer im Magen, dass unsere Straße an diesem Tag ausgestorben zu sein scheint. Keiner ist zu sehen, keiner steht sichtbar am Fenster. Ich finde aber nicht, dass wir uns als Kirche verstecken sollten. Im Gegenteil, ich finde, wir müssen sichtbar sein und ansprechbar und zum Dialog bereit. Ich teile nicht die Überzeugungen derer, die auf dem CSD mitgehen (ok, für Toleranz und Respekt bin ich auch, aber ich bin definitiv gegen Sexualisierung, kein Freund der Genderideologie, und finde nicht, dass jeder tun können sollte, was er will, und meine Definition von Liebe unterscheidet sich auch ganz grundlegend von der, der man auf dem CSD begegnet). Aber ich habe etliche Freunde, die so denken, und finde es wichtig, dass wir unsere Meinungen ausdiskutieren, uns vielleicht nicht einigen können, und trotzdem Freunde sind.
Also bin ich heute raus an die Straße gegangen. Es hat mich einige Überwindung gekostet, aber jetzt im Nachhinein bin ich mir sicher, dass es eine gute Entscheidung war.
Entgegen meiner Befürchtungen bin ich kein einziges Mal angepöbelt worden. Im Gegenteil, die Leute haben sich ganz offensichtlich gefreut, mich auf der Straße zu sehen. Viele kamen zu mir und haben kurz mit mir geredet. Manche Gespräche waren einfach nur nett, andere tief, und einzelne zutiefst berührend. Immer wieder haben mir Menschen gesagt, wie schön es ist, dass ich draußen stehe. Und ich habe mich sehr gefreut an der Buntheit und Vielfalt der Menschen und an ihrer Freude. In dieser Buntheit kommt mir Gott entgegen, und ich bewundere den Mut, mit dem heute viele unterwegs waren.
Etliche haben mich gefragt, ob ich den CSD denn gut finde und das Anliegen unterstütze. Darauf habe ich ehrlich geantwortet, dass ich die Anliegen nicht teilen kann, aber mich an den Menschen freue. Ich glaube wirklich, dass das die Aufgabe ist, die wir als Kirche haben: zuerst die Menschen zu lieben, und dann Rede und Antwort zu stehen. Jetzt im Nachhinein denke ich, dass heute für einige Menschen so etwas wie Versöhnung geschehen ist: Einer hat fast geweint, als er mich gesehen hat, kam her, hat mich gefragt, ob er mich umarmen kann, und fast nicht mehr losgelassen, alles ohne ein Wort. Jemand anderes hat mir von dem Schmerz erzählt, der ihn wegen seiner sexuellen Orientierung seit Jugend begleitet. Und immer wieder kamen Menschen, die mich einfach umarmen wollten.
Ich bin immer noch ganz berührt von all diesen Begegnungen. Mir ist heute Gott begegnet, völlig unerwartet, aber so deutlich, dass ich daran nichts rumdeuten kann. Er stand mit mir am Straßenrand, und er war mitten dabei beim CSD. Heute ist ein Stück Heilung und Versöhnung geschehen, und dafür bin ich zutiefst dankbar.

1 Kommentar:

  1. Da ich leider keine Mail-Adresse gefunden habe, eine Frage per Kommentar: Darf der Link zum Blog öffentlich weitergegeben werden (Datenschutz... )
    Habe auf meinem Blog nämlich hingewiesen:
    https://christi-braut.blogspot.com/2015/10/wer-bloggt-denn-da-teil-1.html

    Ich wäre um eine Antwort dankbar.

    Gabriele

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