Montag, 15. März 2021

Segen für alle oder für viele

Die Kongregation für die Glaubenslehre stellt fest, dass die Kirche nicht die Vollmacht habe, Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts zu segnen. Wer die Erläuterungen dazu lesen möchte, kann das hier tun - ich werde mich im Folgenden auf einige Argumente daraus beziehen.

Nehmen wir kurz einmal an, dass das so stimmt, dann folgt logisch auch...

... dass Valentinstagsgottesdienste dringend zu untersagen sind, denn dort werden Paare gesegnet, ganz gleich welchen Standes. Nachdem die Glaubenskongregation argumentiert, es sei "nicht erlaubt, Beziehungen oder selbst stabilen Partnerschaften einen Segen zu erteilen, die eine sexuelle Praxis außerhalb der Ehe (das heißt außerhalb einer unauflöslichen Verbindung eines Mannes und einer Frau, die an sich für die Lebensweitergabe offen ist) einschließen", muss dies für jede Form von außerehelicher Beziehung gelten, nicht nur für gleichgeschlechtliche, und auch für diejenigen ehelichen Beziehungen, die ausdrücklich und prinzipiell nicht offen für die Lebensweitergabe, sprich für Kinder, sind. Ob ein gleichgeschlechtliches Paar tatsächlich Sex hat, wird hier nicht hinterfragt, sondern einfach vorausgesetzt - und ehrlich gesagt können wir das vermutlich realistisch auch für die allermeisten anderen Paare voraussetzen. Ich finde es trotzdem bezeichnend, dass das Thema Sex außerhalb der Ehe implizit weitaus sündhafter beurteilt wird, wenn ein Paar homosexuell ist, denn ansonsten wäre mein nächster Punkt kirchlich schon längst sanktioniert worden.

... dass Verlobungen aus eben genannter Argumentation heraus keinen kirchlichen Segen mehr erteilt bekommen dürfen - allerdings sieht das Benedictionale für eine Verlobung eine eigene Segensfeier vor. Können wir also streichen.

... dass Segnungen von Motorrädern, Traktoren, Schiffen und was-weiß-ich-noch-allem ok sind, wohingegen sie Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften "die Absicht zum Ausdruck bringen [würde], [...] einen Entschluss und eine Lebenspraxis zu billigen und zu fördern, die nicht als objektiv auf die geoffenbarten Pläne Gottes hingeordnet anerkannt werden können". Ist doch super, dass Fahrzeuge ganz offensichtlich objektiv auf die geoffenbarten Pläne Gottes hingeordnet sind. Und falls ich mit meinem Zynismus doch falsch liegen sollte, streichen wir Fahrzeug-, Haustier- und sonstige Segnungen gleich auch.

... dass wir Menschen immer erst moralisch korrekt und sauber sein müssen, bevor wir uns Gottes Segen erhoffen können. Ja, ich weiß, der Segen einzelner homosexueller Menschen wird hier nicht verboten - aber ehrlich gesagt würde ich mir den Segen auch für Sünder erhoffen. Inwiefern der Sündenbegriff überhaupt für eine Veranlagung gelten kann, über die man nicht willentlich entscheidet, scheint mir sowieso äußerst zweifelhaft. Wenn er aber gelten könnte, wie ihn die Glaubenskongregation verwendet, so sind wir der eigentlich schon längst überkommenen Werkegerechtigkeit wieder einen Schritt näher: erst sauber, dann Segen. Nix mehr mit einem Gott, der uns entgegen- oder gar zuvorkommt.

Ok, ich überspitze hier natürlich etwas. Ich möchte wirklich nicht alles so heiß gegessen wissen, wie es aus Rom über die Alpen schwappt. Aber ich finde es wichtig, sich damit auseinanderzusetzen. Meine größte Frage ist hier eigentlich, wieso hier Segnung automatisch gleichgesetzt wird mit Sakramentalie. Die gesamte Argumentationslinie ließe sich ohne diese Gleichsetzung nämlich nicht durchhalten. Aber die Angst vor einer Verwechslung mit dem Ehesakrament scheint hier dazu zu führen, dass man die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren lieber prophylaktisch verbietet anstatt hierfür Formen zu finden, die sowohl den kirchlichen Grundüberzeugungen als auch dem Bedürfnis der Menschen entgegenkommen.

 


Dienstag, 2. März 2021

Die Opferung meines Isaak


Schon seit Jahren begleitet mich der alttestamentliche Text der Opferung Isaaks. Ich weiß nicht genau, warum, aber diese Erzählung fasziniert mich auf eine eigentümlich vorrationale Weise. Bisher habe ich mich immer eher in der Rolle des Isaak gesehen, der mit seiner Angst umgehen muss, und der in meinen Augen trotzdem ein unglaublich großes Gottvertrauen gehabt haben muss. (Wer mit Musik etwas anfangen kann, möge sich das Lied "Isaak" der Band Janus anhören - unglaublich.)

Am vergangenen Sonntag kam der Text zur ersten Lesung - Fastenzeit eben -, und hat mich wie immer tief berührt. Aber während der Predigt kam mir diesmal ein für mich ganz neuer Gedanke: Was, wenn ich Abraham bin? Was, wenn die Kirche Abraham ist?

Abraham ist der "Stammvater des Glaubens". Als jemand, der in der Verkündigung gearbeitet hat und immer noch arbeitet, liegt es eigentlich nahe, sich stärker mit ihm als mit Isaak zu identifizieren. Und auch die Kirche steht in vielem näher an Abraham als an Isaak. 

Im Folgenden möchte ich einfach mal die Gedanken aufreihen, die mir kamen, und die mich immer noch beschäftigen. Nichts davon soll den Anspruch einer Exegese erheben, nichts davon passt wirklich gänzlich zum Bibeltext (die meisten Vergleiche hinken ziemlich schnell...), nichts davon will als Wahrheit verstanden werden. Aber alles davon halte ich für wert, dass ich (und vielleicht auch andere) darüber nachdenke und weiterdenke.

  • Als ich ins Kloster eingetreten bin, war ich bereit, meine Kinder zu opfern für dieses Leben. Ja, meine Kinder waren und sind nicht geboren, aber ich war bereit, die Möglichkeit von Kindern zu opfern für den Weg, den Gott mir gezeigt hatte. Möglicherweise ist es jetzt zu spät dafür, die Opferung meiner Kinder "rückgängig" zu machen.
  • Die Kirche opfert immer wieder ihre Kinder. Dort, wo kirchliche Mitarbeiter (Priester oder nicht ist hier nicht relevant) andere Menschen missbrauchen, opfern sie diese Menschen. Dort, wo sie den Missbrauch vertuschen und verschleiern, werden die gleichen Menschen ein zweites Mal geopfert.
  • Wieviel bin ich bereit zu opfern, wenn mir das Ziel groß und wichtig genug scheint? Bin ich bereit, meine eigene psychische Gesundheit aufs Spiel zu setzen, für einen Weg, der mir zwar an sich richtig erscheint, der mir aber im konkreten Alltag mehr abverlangt als ich bereit bin zu geben? Vielleicht ist auch Abraham ein Opfer, obwohl er eindeutig Täter ist.
  • Die Kirche opfert immer wieder ihre Kinder. Machtstrukturen, die um der Macht willen erhalten und verteidigt werden, lassen die Mächtigen über Leichen gehen, weil die Macht selbst sie blind macht. Das gilt für Bischöfe und Priester genauso wie für Ordensobere.
  • Abraham glaubte so sehr an Gott, dass er bereit war, dafür alles zu geben, einschließlich seines Sohnes und seines Verstandes. Kann das wirklich Gott sein, der sowohl den Sohn als auch den Verstand geschaffen hat, der das verlangt? Ist das nicht eher eine Form von Psychose?
  • Wenn bedingungslose Opferbereitschaft das Kennzeichen wahren Glaubens ist, ist dieser dann wirklich erstrebenswert?
  • Die Kirche opfert immer wieder ihre Kinder. Oft steht nicht die bedingungslose Liebe Gottes im Mittelpunkt der Verkündigung, sondern eigene Interessen. Dort, wo Bischöfe sich dafür entschuldigen, dass die Gläubigen die Kritik am Bischof ertragen mussten (sic!), geht es nicht mehr um Gott, sondern ums eigene Image. Auf die Wortverwandtschaft zwischen Image - imago - Götze muss ich wohl kaum hinweisen. Dort, wo Verhaltensregeln wichtiger sind als Intentionen, geht es nicht mehr ums Wesentliche, nicht um die Substanz, sondern nur noch um die Akzidentien.
  • Das Gelübde des Gehorsams ist zum Problem geworden. Es befreit nicht mehr so sehr von den eigenen Begehrlichkeiten als es an die Begehrlichkeiten der Anderen bindet. Das gilt sowohl für mich persönlich als auch für die Ordenslandschaft und die Kirche im Ganzen. Wir müssen uns dringend die Mühe machen, diesen Begriff sowohl theologisch als auch praktisch neu zu füllen, wenn wir ihn weiter verwenden wollen. Abrahams Gehorsam scheint mir kein geeignetes Beispiel zu sein, das zu Gott führt. Wenn im Namen des Gehorsams Menschen unterdrückt und geopfert werden, kann das nicht Gottes Willen entsprechen. Wenn in Ordensgemeinschaften über geistlichen Missbrauch gesprochen wird und gleichzeitig bei jungen Schwestern eine Form des Gaslighting praktiziert wird, damit sie besser "in die Gemeinschaft passen", kann das nicht Gottes Wille sein. Gehorsam darf nicht nur in eine Richtung gehen, und niemals seinen Endpunkt in einem Menschen haben.

Dienstag, 23. Februar 2021

Manche Dinge brauchen Zeit

Bald sind es zwei Jahre, dass ich aus der Gemeinschaft ausgetreten bin. Noch immer rede ich, wenn ich nicht bewusst darauf achte, von meiner Gemeinschaft. Aber auch, wenn ich diese Gemeinschaft noch immer liebe, bin ich mir sicher, dass der Schritt richtig war, und ich nicht mehr zurück will und kann. Mein Weg geht weiter, wohin auch immer.

Es hat lange gebraucht, bis ich jetzt endlich den Titel des Blogs geändert habe: aus "it's a nun thing" ist "aber nicht allein" geworden. Wahrscheinlich braucht diese Änderung kaum Erklärung - dass der alte Titel nicht mehr gepasst hat, war mir schon lange klar, aber was stattdessen kommen kann, hat seine Zeit gebraucht. "Barefoot... aber nicht allein" ist für meinen Geschmack grausiges Denglisch, und trifft damit auch sprachlich meine Lebensrealität. Mein Alltag spielt sich zum großen Teil zwischen den Sprachen ab, und trotz Corona weiß ich, dass ich zwar alleine lebe, aber nicht alleine bin. Mein Freund ist zwar nicht mehr mein Freund (auch das eine gute und richtige Entscheidung), aber das heißt nicht, dass ich auf Dauer notwendigerweise single bleiben muss. Mal sehen, wo mein Weg noch hinführt... eines ist mir weiterhin klar: alleine muss ich diesen Weg nicht gehen.

Jetzt muss ich nur noch einen neuen Text für die Unter-Überschrift finden... vielleicht dann in zwei Jahren oder so. Den Ausschnitt aus den Briefen von Klara an Agnes liebe ich zwar, aber irgendwie trifft er meine Realität nicht mehr so richtig.

Ach ja, eigentlich wollte ich heute einen wütenden Post über die Missstände in der Kirche schreiben, aber dann fiel mir auf, dass mein Blog immer noch einen neuen Namen braucht. Tja. Für einen zweiten (wütenden) Post reicht meine Motivation heute nicht mehr aus, daher kommt das irgendwann oder nie. We'll see.

Sonntag, 19. Juli 2020

Geradeaus oder nicht, wer weiß das schon?

Ewig ist es her, dass ich das letzte Mal hier etwas geschrieben habe, mehr als ein Jahr.
Ich glaube, ich sollte dringed mal den Titel des Blogs ändern. Mein Leben dreht sich nicht mehr um die Gemeinschaft, sondern mittlerweile mehr um den Alltag in der Schule, meinen Haushalt, und - ja, es war auch für mich überraschend, aber deshalb nicht weniger schön - meinen Freund.

Die Frage, was Berufung ist, beschäftigt mich noch immer. Ich bin im Augenblick der Überzeugung, dass ein statischer Berufungsbegriff theologisch nicht haltbar ist, also einer, der Berufung als etwas ansieht, was man einmal im Leben erkennt, und es anschließend 'nur' noch leben muss. Also genau das Verständnis von Berufung, dass mir entgegen schlägt, wenn mir eine ältere ehemalige Mitschwester sagt: "Ist doch gut, dass du rechtzeitig erkannt hast, dass du keine Berufung hast." Und ja, das tut mir weh, dass sie das so sagt und schlimmstenfalls auch noch meint. Ich habe eine Berufung, soviel ist sicher. Wohin sie mich führen wird, ist weniger sicher, oder zumindest mal mir nicht klar. Aber es war meine Berufung, in meine Gemeinschaft einzutreten. Ich bin Gott auf diesem Weg näher gekommen, und mir selbst auch. Beides halte ich für ein ziemlich eindeutiges Zeichen dafür, dass dieser Weg richtig war, ganz egal, ob er sich später als nicht gangbar erwiesen haben sollte oder nicht.

Ja, auch mich beeindrucken Menschen, die den Weg klar und deutlich erkennen, den Gott sie führt. Noch mehr beeindruckt mich, wenn sie diesen Weg dann unbeirrt gehen und auch im Leben feststellen, dass das richtig ist.
Schon vor einiger Zeit ist mir Sr. Clare Crockett im Internet begegnet, und sie beeindruckt mich zutiefst. Ich hoffe und bete, dass sie wirklich eines Tages heiliggesprochen wird. Wer sie noch nicht kennt - hier ist ein Film über sie, den ihre Gemeinschaft produziert hat:


Aber auch, wenn mich Sr. Clare beinahe umweht, weiß ich doch, dass Gott nicht mit jedem Menschen einen so klaren und erkennbaren Weg geht, und nicht immer alles im Leben geradeaus führt, auch nicht, wenn ich fest auf Gott vertraue.

Samstag, 4. Mai 2019

Neue Wege

Seit langem habe ich nichts mehr von mir hören lassen. Das war nicht einfach nur dem Trubel des Lebens geschuldet, sondern auch der Tatsache, dass ich mich immer öfter und stärker mit der Frage konfrontiert sah, ob mein Weg im Orden wirklich der ist, den ich weiter gehen kann und soll. Kurz gesagt, es hat gekriselt. Heftig. Und ich habe die Krise nicht auf die leichte Schulter genommen. Darüber schreiben konnte und wollte ich nicht, solange ich selbst nicht zumindest eine Ahnung von Klarheit hatte.
Jetzt ist die Zeit der Klarheit da.
Ich habe mich entschieden, meine Gemeinschaft zu verlassen. Ich trete aus dem Orden aus, und werde meinen Weg mit Gott anders weitergehen. Wie genau dieser Weg aussehen wird, weiß ich noch nicht, aber ich vertraue darauf, dass Gott mir zeigen wird, welche Richtung ich einschlagen kann, um näher zu ihm zu kommen.
Es ist mir schwer gefallen, diese Entscheidung zu treffen, und es fällt mir auch jetzt schwer, in dieser Endgültigkeit darüber zu schreiben. Ich liebe meine Gemeinschaft sehr, und ich liebe auch das Ordensleben an sich sehr. Daran hat sich nichts geändert. Aber der Alltag hat mich an den Rand meiner Kräfte gebracht, körperlich und psychisch. So sehr ich dieses Leben leben will, ich kann es nicht. Ich bin zu schwach und scheitere daran.
Berufung ist in dieser Zeit ein schwieriger Begriff - ich war so sicher, eine Berufung zum Ordensleben zu haben. Aber wenn ich krank werde, wenn ich bleibe, habe ich denn dann keine Berufung? Oder wenn, wozu bin ich berufen?
Ich bin unendlich dankbar für die Zeit, die ich mit meinen Schwestern hatte. Wenn ich nochmal vor der Entscheidung stünde, die ich vor sieben Jahren getroffen habe, ich würde wieder in diese Gemeinschaft eintreten. Und ich bin unendlich dankbar dafür, dass ich mit absoluter Gewissheit weiß, dass Gott mit mir geht und mich weiterhin tragen wird, ganz gleich, wohin mein Weg jetzt führen wird.
Vielleicht muss ich den Begriff der Berufung neu verstehen lernen. Es ist ja nicht Berufung, im Kloster zu leben, sondern dadurch, dass man im Kloster lebt, Gott näher zu kommen. Es ist nicht Berufung, zu heiraten, sondern im Partner und gemeinsam mit dem Partner Gott näher zu kommen. Gott ist unsere eigentliche Berufung. Wenn der Weg zu ihm krumm verläuft, ist das verwirrend und manchmal beängstigend, aber in der letzten Zeit fällt mir immer wieder auf, dass die Bibel voll ist von solchen krummen Wegen. Scheitern gehört quasi zum Standardprogramm der Nachfolge. Irgendwie fällt es mir schwer, das für mich und mein Leben zu akzeptieren, aber ich hoffe, dass ich es irgendwann lernen werde, den Willen Gottes für mein Leben zuzulassen, auch, wenn ich dabei den Eindruck habe, rückwärts zu stolpern anstatt geradeaus zu gehen. Ich entdecke mehr und mehr, dass auch darin Gehorsam liegt - Gott wirklich alles überlassen, selbst auf die Gefahr hin, dass er mich barfuß über Scherben laufen lässt. Das ist das Bild, das mich innerlich begleitet: mit bloßen Füßen über Scherben, aber dennoch zu ihm.

Montag, 27. August 2018

Heim zur Hochzeit

"Zu deiner göttlichen Hochzeit,
die der Vater für dich, einziger Sohn, ausgerichtet hat,
rief auch mich die Stimme deiner Diener,
auf dass ich mich an deinen
unaussprechlichen Freuden erquicke,
schon hier auf Erden im Geheimnis deines Altares
und dereinst oben in der himmlischen Stadt,
in ewiger Freude,
unsagbar und unveränderlich.

Weil ich aber nicht das prächtige Kleid trage,
das des Hochzeitssaales würdig wäre -
denn ich habe das Kleid des heiligen Taufbrunnens beschmutzt
durch die schwarzen Sünden der Seele -
o unergründlicher Herr,
bekleide mich nun neu mit dir
und gib meinem ersten Kleid, dem jetzt beschmutzten,
den einstigen Glanz zurück.

Damit ich, Herr, deine Stimme nicht vernehmen muss,
wie sie das Wort 'Freund' ausspricht, voll Mitleid,
und dass ich ja nicht wie der Verräter
ins Verderben gestoßen werde für immer."

Hl. Nerses Schnorhali (1102-1173), gekürzter Text

Samstag, 23. Juni 2018

Vom Straßenrand aus

Letztes Jahr hatte ich den Christopher-Street-Day heimlich beobachtet, hinter den Gardinen im Wohnzimmer. Eigentlich wäre ich gerne raus auf die Straße gegangen, aber ich hatte Angst, angepöbelt zu werden, nicht erwünscht zu sein, oder mich einfach nur generell unwohl zu fühlen. Naja, unwohl war mir auch hinter den Gardinen.
Im Nachhinein habe ich mir vorgenommen, beim nächsten CSD rauszugehen, mich an die Straße zu stellen, und damit sichtbar zu sein. Der CSD nimmt seine Route hier auch deshalb durch unsere Straße, weil damit gegen die Kirche protestiert werden soll. Und irgendwie liegt es mir quer im Magen, dass unsere Straße an diesem Tag ausgestorben zu sein scheint. Keiner ist zu sehen, keiner steht sichtbar am Fenster. Ich finde aber nicht, dass wir uns als Kirche verstecken sollten. Im Gegenteil, ich finde, wir müssen sichtbar sein und ansprechbar und zum Dialog bereit. Ich teile nicht die Überzeugungen derer, die auf dem CSD mitgehen (ok, für Toleranz und Respekt bin ich auch, aber ich bin definitiv gegen Sexualisierung, kein Freund der Genderideologie, und finde nicht, dass jeder tun können sollte, was er will, und meine Definition von Liebe unterscheidet sich auch ganz grundlegend von der, der man auf dem CSD begegnet). Aber ich habe etliche Freunde, die so denken, und finde es wichtig, dass wir unsere Meinungen ausdiskutieren, uns vielleicht nicht einigen können, und trotzdem Freunde sind.
Also bin ich heute raus an die Straße gegangen. Es hat mich einige Überwindung gekostet, aber jetzt im Nachhinein bin ich mir sicher, dass es eine gute Entscheidung war.
Entgegen meiner Befürchtungen bin ich kein einziges Mal angepöbelt worden. Im Gegenteil, die Leute haben sich ganz offensichtlich gefreut, mich auf der Straße zu sehen. Viele kamen zu mir und haben kurz mit mir geredet. Manche Gespräche waren einfach nur nett, andere tief, und einzelne zutiefst berührend. Immer wieder haben mir Menschen gesagt, wie schön es ist, dass ich draußen stehe. Und ich habe mich sehr gefreut an der Buntheit und Vielfalt der Menschen und an ihrer Freude. In dieser Buntheit kommt mir Gott entgegen, und ich bewundere den Mut, mit dem heute viele unterwegs waren.
Etliche haben mich gefragt, ob ich den CSD denn gut finde und das Anliegen unterstütze. Darauf habe ich ehrlich geantwortet, dass ich die Anliegen nicht teilen kann, aber mich an den Menschen freue. Ich glaube wirklich, dass das die Aufgabe ist, die wir als Kirche haben: zuerst die Menschen zu lieben, und dann Rede und Antwort zu stehen. Jetzt im Nachhinein denke ich, dass heute für einige Menschen so etwas wie Versöhnung geschehen ist: Einer hat fast geweint, als er mich gesehen hat, kam her, hat mich gefragt, ob er mich umarmen kann, und fast nicht mehr losgelassen, alles ohne ein Wort. Jemand anderes hat mir von dem Schmerz erzählt, der ihn wegen seiner sexuellen Orientierung seit Jugend begleitet. Und immer wieder kamen Menschen, die mich einfach umarmen wollten.
Ich bin immer noch ganz berührt von all diesen Begegnungen. Mir ist heute Gott begegnet, völlig unerwartet, aber so deutlich, dass ich daran nichts rumdeuten kann. Er stand mit mir am Straßenrand, und er war mitten dabei beim CSD. Heute ist ein Stück Heilung und Versöhnung geschehen, und dafür bin ich zutiefst dankbar.

Sonntag, 27. Mai 2018

The Dark Face of Progress

Ich bin versucht zu sagen, es sei ein trauriger Tag für Irland. Aber das stimmt nicht. Heute ist nicht trauriger als all die anderen Tage, die zum Ergebnis der Abstimmung über den 8. Artikels der Irischen Verfassung geführt haben. Heute ist die Traurigkeit nur besonders deutlich zu spüren, weil sie in Zahlen erkennbar wird und nicht mehr nur öffentliche Meinung ist, sondern bald Gesetz.
Ich verstehe immer noch nicht, wie so viele Menschen meinen können, dass die Legalisierung von Abtreibung ein Zeichen des Fortschritts sei. Wie kann es Fortschritt sein, dass Kinder in der Gesellschaft und im Leben Einzelner ein solches Problem darstellen, dass es die beste Lösung zu sein scheint, sie einfach 'wegzumachen', zu töten? Wie kann es Fortschritt sein, dass die Zukunft keinen Eigenwert mehr hat, sobald sie die Pläne der Gegenwart durcheinander bringt? Wie kann es Fortschritt sein, wenn wir uns selbst in die Tasche lügen und denken, mit einer Abtreibung sei alles vorbei, und die betroffene Frau könne anschließend normal weiterleben?
Mir ist es so offensichtlich, so unübersehbar, dass das alles eine große Lüge ist, die wir uns schönreden wollen. Keine Frau kann davon glücklich werden, wenn sie ihr eigenes Kind töten lässt. Verdrängung ist mächtig, ja, aber eben immer noch Verdrängung. Und was ist mit all den Vätern, Großeltern, Geschwistern, Tanten, Onkeln, Freunden, die dieses Kind genauso verlieren, ohne auch nur ein Wort dabei mitreden zu können?
Es ist ein trauriges Ergebnis für unsere Welt, unendlich traurig. Es war doch keine Abstimmung über eine Frage der Emanzipation, über die Selbstbestimmung der Frau, sondern eine Abstimmung über Menschenleben, tausende, abertausende Menschen. Wie man das verwechseln kann, ist mir unerklärlich.
Beten wir für die betroffenen Frauen, für die Kinder, die nicht leben dürfen, für alle, die sie geliebt und gebraucht hätten, und beten wir für unsere Welt, dass uns endlich die Augen aufgehen.

Montag, 23. Oktober 2017

Grenzfrage

Die aktuelle metoo-Debatte wirft mir eine Frage auf, die ich hier zum Thema machen möchte. Ja, nur eine einzige Frage, und ich will mich hier nicht zur Gesamtthematik auslassen (das tun viele andere schon und vermutlich besser als ich), sondern meine persönliche Perspektive schärfen. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Frage ist diese: Wo liegt für mich die Grenze, bei der Belästigung beginnt?

Nachdem ich etliche Beiträge und Artikel zur aktuellen Debatte gelesen und auch mit einigen Menschen darüber diskutiert habe, will ich hier keine Liste dessen erstellen, was für mich jenseits der Grenze liegt. Mich interessiert die Grenze selbst, quasi der Bereich der Grauzone. Und mich interessiert auch nicht irgendeine theoretische oder verallgemeinerbare Grenze, sondern meine - die einzige, über die ich überhaupt etwas mit Gewissheit sagen kann.

Ich will das hier an einem Beispiel bearbeiten:

Neulich hat mich ein Mann in der Kirche angesprochen - eigentlich ganz nett und höflich. Was mir aber total unangenehm war, war die Tatsache, dass er mich geduzt hat. In diesem Moment war das für mich eine klare Grenzüberschreitung.
Anschließend war ich selbst überrascht davon, dass mir das so unangenehm war. Ich bin normalerweise jemand, der gerne duzt und geduzt wird. Also habe ich versucht, die Situation etwas genauer zu analysieren.

Ich glaube im Nachhinein, dass in der beschriebenen Situation mehrere Faktoren zusammen kamen, die für mich vor allem durch ihre Kombination eine Grenzüberschreitung bedeuten.
(1) Der Mann hat im Gespräch emotionale Nähe und argumentative Unterstützung erwartet bzw. eingefordert, die ich ihm nicht geben konnte. Emotionale Nähe nicht, weil er mir unsympathisch war, und argumentative Unterstützung nicht, weil ich ihm inhaltlich nicht zustimmen konnte.
(2) Als Ordensschwester fühle ich mich oft quasi verpflichtet, zu allen nett zu sein und allen Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken, ganz egal, ob mir persönlich das gerade in den Kram passt oder nicht.
(3) Ich lege Wert auf gewisse Formen von Höflichkeit; dazu gehört auch, dass ich das Duzen unter Gleichaltrigen normalerweise ok finde, nicht aber, wenn ein größerer Altersabstand vorhanden ist. Der Mann war deutlich älter als ich. In diesem Fall sendet das Duzen mir zwei mögliche Signale: (a) emotionale Nähe - und die wollte ich nicht, siehe Punkt (1), oder (b) eine Form von persönlicher Hierarchie, bei der der Geduzte quasi als Kind behandelt wird.

Im beschriebenen Fall bin ich mit meiner Reaktion ausnahmsweise zufrieden: Ich habe dem Mann höflich, aber deutlich gesagt, dass ich nicht von ihm geduzt werden möchte. Er war zwar offensichtlich enttäuscht, hat es aber anstandslos akzeptiert und mich im weiteren Verlauf des Gesprächs wieder gesiezt.

Trotzdem blieb mir nach der Begegnung ein schaler Nachgeschmack.

Ich merke, dass meine Grenze von mehreren Faktoren abhängig ist, und dass es mich normalerweise nicht stört, wenn nur einer davon auftritt. Kommen aber mehrere solcher Faktoren zusammen, ist die Grenze schneller überschritten, und ich kann es nicht an einer einzelnen Handlung oder Aussage festmachen, weil diese Handlung oder Aussage isoliert für mich möglicherweise gar keine Grenzüberschreitung darstellen würde. Ich merke auch, dass die Frage von Nähe und Distanz essentiell für die Diskussion um Belästigung ist. Das gilt im übrigen für physische Nähe und Distanz genauso wie für emotionale oder intellektuelle. Ich finde es oft leichter, mich gegen körperliche Aufdringlichkeit zur Wehr zu setzen als gegen emotionale. Leicht ist es aber auf keinen Fall, denn es gibt dabei aus meiner Perspektive ein großes Problem: Nicht jeder Mensch verfügt über ein entsprechend gutes und feines Sensorium, um bei jedem Gegenüber sofort zu merken, wann er sich in Grenznähe befindet. Manche Menschen haben leider kein Gespür für persönliche Distanz. Das an sich kann ich ihnen nicht vorwerfen, denn dafür können sie vermutlich nichts. Trotzdem fühle ich mich von ihnen schnell belästigt und vermeide die Begegnung.

Aus all diesen Überlegungen und aus der gesamten metoo-Debatte lerne ich - bei aller Unsicherheit, die bleibt - vor allem dies: Ich muss lernen, meine eigenen Grenzen zu erkennen, und sie hüten, nötigenfalls auch einfordern. Ob das meinem Gegenüber in den Kram passt oder nicht. Und ich muss die Grenzen anderer Menschen genauso respektieren und hüten, sobald ich sie erkenne. Ob mir das in den Kram passt oder nicht.

Donnerstag, 29. Juni 2017

Für alle oder für viele?


In den letzten Tagen hat mich diese Frage vermehrt beschäftigt im Blick auf die morgige Abstimmung über die "Ehe für alle". Und weil es dazu in meinem Kopf und in meinem Herzen ziemlich rund geht, habe ich mich entschieden, Kopf und Herz in einen Blogpost zu kippen und zu hoffen, dass das mir und vielleicht auch noch ein paar anderen Menschen etwas bringt.

Bevor ich loslege, möchte ich aber noch eines klarstellen: Was ich hier schreibe, sind meine persönlichen Gedanken. Ich schreibe hier weder im Namen meiner Gemeinschaft noch im Namen der Kirche. Ich schreibe hier noch nicht einmal als Theologin (auch, wenn ich das natürlich bin), sondern in erster Linie als Mensch, der dabei ist, sich eine Meinung zu bilden. Ich bin in diesem Prozess noch nicht am Ende angelangt, und werde vermutlich auch noch ein Leben lang brauchen, um diesen großen Fragen nachzugehen. Wer meint, in dem, was jetzt folgt, irgendwelche Tendenzen zu erkennen, den kann ich daran nicht hindern, aber dem möchte ich auch sagen, dass das weder meiner Absicht noch meinem momentanen Empfinden entspricht.

Hier kommt jetzt also - vermutlich ziemlich unsortiert - das, was mich zum Thema gleichgeschlechtliche Ehe und Partnerschaft bewegt:

  1. Ich finde es unheimlich schwer, nur in der Theorie über Homosexualität oder homosexuelle Menschen zu sprechen. Ich habe zu viele Freunde, enge wie weniger enge, die homosexuell sind, und von denen ich weiß, dass ihnen keine Theorie gerecht wird. Ich denke, das wird ähnlich sein wie beim Reden über das Ordensleben oder die Ordensleute: wenn jemand schlecht über z.B. den Zölibat spricht, bin damit zwar nicht ich persönlich gemeint, aber nachdem ich ihn persönlich lebe, betrifft es mich dann eben doch auf eine gewisse Weise persönlich.
    Bei all meinen Überlegungen geht es mir weniger um Theorien als um konkrete Menschen und ihr Leben. Das mag jetzt vielleicht manchen zu nachgiebig oder wissenschaftlich zu unsauber erscheinen, ist aber die einzige Möglichkeit für mich, mich diesem Thema zu nähern. Auch ich kann nicht aus meiner menschlichen Haut.
  2. Ich glaube fest, dass Gottes Plan für jeden Menschen eine Form von Keuschheit einschließt. Das ist in manchen Fällen (z.B. meinem...) die Form des Zölibats, oder um es mit einem sehr viel schöneren und poetischeren Begriff zu sagen, die Form der jungfräulichen Keuschheit. Für viele andere ist es die eheliche Keuschheit, also eine Form der Keuschheit, die weniger mit Enthaltsamkeit und viel mehr mit ganzer Hingabe zu tun hat.
    Damit ich mir selbst und meinen Mitmenschen gerecht werden kann, brauche ich die Keuschheit, denn nur in ihr kann ich mich selbst und meine Mitmenschen als die sehen, die Gott erschaffen hat, und die Liebe als Erfüllung des Plans Gottes für jeden von uns sehen und leben. (Wer zu diesem Thema mehr wissen möchte, dem empfehle ich die Theologie des Leibes von Johannes Paul II. - es gibt dazu vieles im Netz und außerdem sehr gute Bücher, besonders hervorheben und empfehlen möchte ich hier die Theologie des Leibes für Anfänger von Christopher West.)
    Unter Keuschheit verstehe ich den Teil der Liebe, der vollkommen selbstlos ist und der kein Eigeninteresse vertritt, sondern nur das große Ganze und den Anderen sieht. Keuschheit will keine schnelle Befriedigung, sondern sucht das wahre Glück. Keuschheit heißt auch Treue, Ganzhingabe, vollkommenes Vertrauen und Sich-Anvertrauen. Wer keusch in einer Beziehung lebt, lebt diese Beziehung nicht auf Zeit, sondern auf Ewigkeit, und ist offen für alles, was diese Beziehung mit sich bringt, Gutes wie Schlimmes, Leid oder Glück. Keuschheit ist ein bedingungsloses Ja an Gott und an den Plan, den er für mich hat.
  3. Die sakramentale Ehe gibt es nur zwischen Mann und Frau, genauso wie es sie auch nur zwischen Getauften gibt. Die sakramentale Ehe ist zum Wohl der Gatten und für Kinder offen.
  4.  Ich bin zwar keine Verfechterin der strengen Trennung von Staat und Kirche, finde aber trotzdem, dass die beiden durchaus unterschiedliche Meinungen und Standpunkte vertreten dürfen. Aufgabe des Staates ist es unter anderem, dafür zu sorgen, dass unter seinen Bürgern eine gewisse Form von Gerechtigkeit herrscht. Wie weit er in moralischen Fragen auf die Kirche hören muss oder soll, bleibt immer Verhandlungssache. Hier ist es die Pflicht der Kirche, sich in die Diskussion einzuschalten, und die Pflicht eines jeden Christen, bei Bedarf Stellung zu beziehen.
  5. Ich finde es scheinheilig, wenn wir als Kirche uns über die Frage der Ehe zwischen Homosexuellen furchtbar aufregen, solange unser Hauptargument dabei ist, dass Kinder immer ein Recht auf Eltern beiderlei Geschlecht haben, und dass zwei Männer oder zwei Frauen nun mal biologisch keine gemeinsamen Kinder zeugen können. Wenn ich mit dem Wohl der Kinder argumentiere, muss ich mich genauso gegen Alleinerziehende wehren, gegen Patchworkfamilien (in denen zwar vielleicht beide Geschlechter gegeben sind, aber dafür die Stabilität fehlt), gegen Scheidung, und gegen Eltern, die ihr Kinder sowieso vom ersten Lebensjahr an kaum sehen, weil die Eltern arbeiten und die Kinder ihre wachen Stunden in Krippe, Kita, Hort und sonstigen Betreuungsangeboten verbringen.
  6. Es gibt keine Wahlfreiheit, wenn es um sexuelle Orientierung geht. Genauso wenig, wie ich als heterosexueller Mensch entscheiden kann, dass ich jetzt homosexuell sein möchte (oder bi oder was auch sonst immer), kann das ein homosexueller Mensch entscheiden. Warum Gott den einen Menschen so, den anderen anders erschaffen hat (oder zumindest zugelassen hat, dass er sich so entwickelt, ohne dass der Mensch selbst darin frei entscheiden konnte), weiß ich nicht. Sollte ich eines Tages Gott gegenüber stehen, könnte es passieren, dass ich ihn das frage. Aber vielleicht wird das dann auch nicht mehr nötig sein.
  7. Ich finde, wir brauchen in der Gesellschaft eine neue Diskussionskultur. Ich will nicht als homophob abgestempelt werden, nur weil ich nicht gedankenlos die Regenbogenfahne schwenke. Ich möchte gehört werden mit meinen Fragen und Bedenken, und ich möchte wirklich diskutieren können, auch, wenn manche Thesen dabei vielleicht nicht für alle angenehm sind. Ich finde es auch nicht schön, wenn mir Menschen sagen, dass sie mein Leben für unnatürlich halten, weil ich ja anscheinend meine Sexualität unterdrücke oder verdränge, aber ich halte das aus und bin in der Regel bereit, darüber zu reden, solange ich dabei eine Chance sehe, dass die Schublade, in die ich gerade gesteckt wurde, verhandelbar ist. Ich finde die momentan herrschende Kultur der Tabuisierung bestimmer Meinungen höchst problematisch, weil sie eben keine echte Diskussion mehr zulässt und damit auch keine wirklich durchdachte und informierte Meinungsbildung.
  8. Ich finde außerdem, dass wir sowohl in Kirche wie auch in der politischen Gesellschaft den Ehebegriff klären müssen. Wenn Ehe begrifflich beschränkt ist auf lebenslang und zwischen Mann und Frau, dann kann es keine Ehe für homosexuelle Paare geben, und dann kann es auch keine Scheidung geben. Das entspräche dann - verkürzt gesagt - in etwa dem kirchlichen Eheverständnis. Wenn Ehe beschränkt ist auf im Idealfall lebenslang und zwischen zwei mündigen Menschen, dann landen wir eher bei dem, was im Augenblick politisch diskutiert wird. Die Frage, ob es zulässig ist, dass der Staat den gleichen Begriff verwendet wie die Kirche, und dabei möglicherweise etwas anderes meint, kann und will ich nicht entscheiden. Ich kann nur soviel sagen: Das ist schon länger der Fall. Würden wir vom genau Gleichen reden, würde sich die Frage erübrigen, warum die Kirche staatliche Eheschließungen nicht zwingend anerkennt.
  9. Ich halte es für richtig, wenn sich das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare vereinfacht. Ein Kind hat das Recht auf Stabilität und Sicherheit, und dazu gehört auch, dass es bei der nächsten Bezugsperson aufwachsen darf, sollte der ersten etwas zustoßen, ganz egal, welchen Geschlechts diese Bezugsperson ist. Ich halte Stabilität in Grundbeziehungen für ein Kind für sehr viel wichtiger als die Frage, ob homosexuelle Beziehungen nun richtig oder falsch sind. Das Argument, dass die beiden ja biologisch keine Eltern werden könnten, und damit auch keinen Anspruch auf ein gemeinsames Kind haben, halte ich für schwach: Genügend heterosexuelle Paare können biologisch keine Kinder bekommen, und einen Anspruch auf Kinder hat sowieso überhaupt gar niemand. Den einzigen Anspruch, den ich für richtig und wichtig halte, ist der des Kindes. Dieser Anspruch besteht auf Stabilität und ja, auch auf enge Bezugspersonen beiderlei Geschlechts. Aber wenn die Alternative zu einem homosexuellen Paar wechselnde Pflegefamilien oder Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen sind (egal, wie gut diese sind), glaube ich tatsächlich, dass ein stabiles homosexuelles Elternpaar die bessere Lösung sein kann.
    Ach ja, bevor mich jetzt jemand steinigt: Ich kann diese Überzeugung nicht wissenschaftlich untermauern, einfach deshalb, weil ich mich wissenschaftlich damit nicht ausreichend beschäftigt habe. Meine Quellen dafür liegen in der Erfahrung: In der Erfahrung mit homosexuellen Freunden und ihren Kindern, und in meiner eigenen Erfahrung, was es heißt, in einer Scheidungs- und Patchworkfamilie aufgewachsen zu sein.
  10. Ich glaube, dass es keine idealen Eltern gibt. Jeder Mensch erfährt in seiner Kindheit und Jugend Verletzungen, an denen er schwer zu tragen hat, und die ihn oft bis ins Alter begleiten. Aber es gibt bestimmte Bedingungen, die zwingend schwere Verletzungen verursachen, die einen Menschen definitiv ein Leben lang begleiten und behindern. Dazu gehört unter anderem der Mangel eines verlässlichen Familienumfelds. Ob dazu auch der Mangel eines verschiedengeschlechtlichen Elternhauses gehört, scheint mir bisher offen. Die Studien, die ich dazu gelesen habe, sind sich nicht einig, und auch die Erfahrungsberichte derer, die bei homosexuellen Paaren aufgewachsen sind, sind sehr unterschiedlich.
  11. Wenn ich Menschen nicht widerspreche und ins Gewissen rede, die sich durch die Gegend schlafen, weiß ich nicht, mit welchem Recht ich über die urteilen sollte, die homosexuell sind und das auch leben wollen. Ich glaube nicht, dass es an mir ist, zu beurteilen, welche Sünde die größere ist. Falls überhaupt eine Sünde die größere ist, dann vermutlich meine eigene - ganz gleich, welche. Sollte ich allerdings gefragt werden, was die Kirche dazu sagt, oder auch, was ich persönlich dazu meine, dann sage ich das. In aller Liebe, aber auch in aller Klarheit. Und das gilt nicht nur für Homosexualität.
  12. Ich muss trennen zwischen den Taten eines Menschen und der Person. Egal, was ein Mensch tut, ich muss ihn lieben, ich muss ihn respektieren, ich muss ihn als Ebenbild Gottes und mein Mitgeschöpf und Bruder oder Schwester sehen, denn das ist er. Diese Liebe muss immer an erster Stelle stehen. Bedingungslos und ausnahmslos immer.

Montag, 12. Juni 2017

Früher war alles besser (2)

Und wieder einmal habe ich hübschen alten Vandalismus entdeckt, diesmal in Stein.


(Sorry, die Qualität ist diesmal nicht der Hit. Es war halt schon Nacht, und der Stein reflektiert leider den Blitz etwas.)

Freitag, 9. Juni 2017

Der schnöde Mammon

Es erstaunt mich doch immer wieder, dass es Menschen gibt, die glauben, dass ich prinzipiell umsonst arbeite.

Ja, ehrlich gesagt bin ich bei vielem gerne bereit, etwas kostenlos zur Verfügung zu stellen, wenn es einem guten Zweck dient. Aber wenn mit dem, was ich zur Verfügung stelle, Geld verdient wird, stelle ich schon Fragen. (Ganz nebenbei bemerkt ist das für mich auch eine Frage des Ethos: Wenn andere darauf angewiesen sind, dass sie Geld für die gleiche Arbeit bekommen, dann muss ich schon alleine aus Solidarität mit diesen Menschen etwas für meine Arbeit verlangen.) Ich will nicht, dass meine Auftraggeber denken, dass sie gute Qualität umsonst bekommen können, nur weil ich im Orden bin. Besonders nett sind solche Sachen übrigens dann, wenn mein Gegenüber beleidigt (sic!) ist, weil ich ein Honorar anfrage...

Ordensmenschen leben oftmals von der Vorsehung, das ist wahr. Aber entgegen einer erstaunlich weit verbreiteten Meinung leben wir nicht von der Kirchensteuer. Wir müssen unserern Unterhalt selbst bestreiten, und dazu gehört auch, dass wir einen Anspruch auf Lohn haben, wenn wir für andere arbeiten. Gelegentlich finde ich zwar Lohn in Form von Naturalien durchaus akzeptabel, aber nachdem das heutzutage nicht die gängige Handelsform ist, ist Geld auch ok - ja, ich weiß, das ist vermutlich etwas unfranziskanisch, wenn ich das so sage, aber da hat sich die Welt tatsächlich ein bisschen verändert seit dem 13. Jahrhundert.

Immer wieder höre ich von Musikern, die sich darüber ärgern, dass Auftraggeber von ihnen erwarten, dass sie kostenlos spielen sollen, weil sie dafür doch so schöne Publicity bekämen. Nun, ich kann ihren Ärger sehr gut verstehen, denn wenn es nicht gerade um Musik geht, wissen die meisten Menschen sehr gut, dass man Qualität nicht gratis bekommt. Kaum ein Caterer wird Essen kochen ohne Bezahlung, weil ihm die Publicity reicht, und von ihm erwarten darf man das schon gar nicht. Tja, mir scheint, neben Musikern scheinen Ordensleute da noch eine weiter absurde Plattform zu bieten.

Geld ist für mich tatsächlich eigentlich kein wichtiger Fokus. Aber wenn ich als billige Arbeitskraft benutzt werde, stimmt da etwas ganz grundsätzlich nicht. Gerechtigkeit heißt für mich u.a., dass gleiche Arbeit gleichen Lohn verdient (und das gilt eben nicht nur für den Gender-Pay-Gap). Ich will nicht daran Schuld sein, dass Autoren, Musiker etc. für einen Hungerlohn arbeiten müssen, weil Menschen wie ich es sich leisten können, auf ein Honorar zu verzichten. Franziskanische Armut heißt hier eben auch, solidarisch zu leben, und wenn es um gerechte Bezahlung geht, reicht es nicht, darüber nur zu reden.

Ich vermute, dass es zu diesem Thema unterschiedliche Meinungen gibt - daher habe ich eine Bitte: Wenn ihr meinen Beitrag kommentieren möchtet, finde ich das super, aber bitte bleibt so sachlich und höflich wie möglich! Danke! :)

Donnerstag, 13. April 2017

Das ist heute

"Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist da; bei dir will ich mit meinen Jüngern das Paschamahl feiern." (Mt 26,18)

Was, wenn Jesus das zu mir sagt? Was, wenn er heute bei mir das Paschamahl feiern will?

Heute feiert Jesus in mir das letzte Abendmahl: in mir ist Festtagsstimmung und gleichzeitig Angst vor dem, was kommen wird. In mir brodelt es im Untergrund, aber nach außen ist noch alles ruhig. Der Johannes in mir lehnt sich zurück an Jesu Brust und genießt die Vertrautheit und die Nähe, das Gefühl, bei ihm daheim zu sein. Mein innerer Petrus ist einerseits bereit, für Jesus zu sterben, und andererseits schon fast dabei, ihn zu verleugnen. Die Füße waschen will er sich schon gar nicht lassen, dabei wäre das es, was er braucht. Mein innerer Petrus ist heute sehr aktiv - innerlich zerrissen, voller Liebe und Hingabe für Jesus und gleichzeitig unglaublich schwach und hilflos. Und mein innerer Judas will nicht wahrhaben, dass es ihn überhaupt gibt, aber trotzdem kann er nicht aus seiner Haut - das Böse lebt auch in mir und lässt sich nicht einfach unterdrücken. Ich hoffe nur, dass Jesus auch meinen inneren Judas erlöst, wenn es soweit ist. In mir wechseln sich Angst und Hoffnung ab, Vorfreude und Verzweiflung.

Und dann ist da Jesus. ... in der Nacht, da er verraten wurde - das ist heute -, nahm er das Brot und sagte Dank, brach es, reichte es seinen Jüngern und sprach: "Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird."

Das ist heute.
Heute verschenkt sich Jesus ganz, heute gibt er sich mir ganz hin, heute lebt er für mich, stirbt für mich, wird für mich auferstehen. Heute.

Montag, 3. April 2017

Früher war alles besser

Sogar Vandalismus hatte früher noch Stil.


So gefunden in einer Kirchenbank - solche Schönschrift sollten heutige Bankverkratzer erst mal hinbekommen. ;)